Wo die Toten erzählen dürfen…
YSSELSTEYN – ein Name, ein Ort mit knapp 2400 Einwohnern, und ein riesiger Begräbnisplatz
mit 32000 Toten, die dort ewig ruhen dürfen – die deutsche Kriegsgräberstätte Ysselsteyn. Von
Wald und einem Naturpark umgeben ruhen dort 32000 meist deutsche Kriegsopfer, die ab 1946
von den Friedhöfen der Niederlande umgebettet und von seither noch aufgefundenen Grabstätten
hier beigesetzt wurden. 32000 graue Kreuze, die in den meisten Fällen Vor- und Nachname, und –
so bekannt – Geburts- und Sterbedatum eines einzelnen Menschen tragen, bei Soldaten meist
auch noch den Dienstgrad. Das jüngste Kriegsopfer war genau einen Tag alt, die Älteste beinahe
90 Jahre – Josef und Maria – sie liegen nicht weit voneinander entfernt und haben beide 1945 ein
paar Wochen vor Kriegsende ihr Leben verloren.
Es gibt allerdings auch über 3000 Kreuze, auf denen nur steht: unbekannter deutscher Soldat –
und obwohl der Krieg nun schon seit 81 Jahren vorbei ist, gelingt es heute noch gelegentlich, so
einen unbekannten Soldaten einem Namen zuzuordnen und ihm seine Identität wiederzugeben.
Einige wenige Sammelgräber mit den sterblichen Überresten mehrerer Kriegsopfer finden sich
auch, aber meist sind es tatsächlich Einzelgräber, und durch die schiere Anzahl von 32000
einzelnen Begräbnisstellen ist die Kriegsgräberstätte Ysselsteyn die größte ihrer Art weltweit für
deutsche Kriegsopfer – wobei sich allerdings sofort die Frage stellt, wie viele dieser „Opfer“ auch
Täter waren. Zumindest von einigen der hier Beigesetzten sind schlimme Grausamkeiten bekannt,
die sie zwischen 1940 und 1945 begangen haben – auch sie haben hier – wie es auf
Kriegsgräberstätten Brauch ist – ihren ewigen Ruheplatz gefunden, darunter auch holländische
Kollaborateure, die in der SS Dienst getan haben und deshalb von ihrem Staat ausgebürgert
worden sind.
So erstaunlich es klingen mag, aber auf diesem so friedlichen und ruhig gelegenen Friedhof wird
Zeitgeschichte erfahrbar und kommt einem buchstäblich greifbar und spürbar nahe. Man stellt
sein Fahrzeug auf dem Parkplatz ab und betritt das Gelände, das zuerst den Eindruck eines Parks
erweckt. Zur Rechten grüßt einen der rote Schriftzug VREDE (Frieden), man erblickt die
Holzbungalows der Begegnungsstätte – dort kann man sich einmieten, um z.B. an einem der
Jugendbegegnungs-Camps teilzunehmen oder um als selbständige Gruppe sich mit diesem
Friedhof für ein paar Tage zu beschäftigen. Man sieht ein Volleyballnetz, eine Tischtennisplatte,
vielleicht steht auch eines der roten Hollandräder da, die man sich vor Ort ausleihen kann, um die
Gegend zu erkunden.
Zur Linken befindet sich das Informations- und Dokumentationszentrum – hier lassen sich die
Daten zu den 32000 beigesetzten Toten recherchieren – und die wissenschaftlichen
Mitarbeitenden bemühen sich, diesen Datenbestand ständig zu erweitern und mit weiteren
Informationen und Erkenntnissen zu ergänzen. Angeschlossen ist eine Cafeteria nebst einem
kleinen Speisesaal für Reisegruppen – Recherchearbeit macht hungrig und durstig.
Ein nicht sehr breiter Weg, rechts und links flankiert von einem Sichtschutz aus Holz führt zum
eigentlichen Friedhof – es öffnet sich der Blick auf eine riesige Rasenfläche mit 32000 grauen
Betonkreuzen – nur durch eine längs und eine quer verlaufende Buchenallee in vier Teile unterteilt.
Allein die Größe der Fläche und die überwältigende Anzahl der Kreuze lassen einen in Stille
innehalten. So groß und so wirkmächtig hatte man es sich nicht vorgestellt, nicht vorstellen
können, und würden nicht die Vögel so fröhlich und unbekümmert zwitschern und pfeifen, die
Stille wäre überwältigend.
Genau diese überwältigenden Eindrücke durften wir kürzlich selbst erleben – wir, das waren mehr
als 20 Schülerinnen und Schülern des Kreisberufschulzentrums in Bad Saulgau, die mit zwei
Lehrkräften und mehreren Mitgliedern der Arbeitsgruppe SLG am 17. Mai nach Ysselsteyn gereist
waren, um am „außerschulischen Lernort Kriegsgräberstätte“ der Geschichte des zweiten
Weltkrieges und seinen verheerenden Auswirkungen näher zu kommen.
Dass dies an so einem Ort gut gelingen kann, hatte eine Reisegruppe von der selben Schule
bereits im vergangenen Jahr erfolgreich erprobt. Daher gehörten auch in diesem Jahr ein Besuch
im Freiheitsmuseum und auf dem kanadischen Soldatenfriedhof in Groesbeek sowie in der
Gedenkstätte im ehemaligen KZ Camp Vucht zum Programm. Ebenfalls wie im vergangenen Jahr
ließ es sich der Präsident des Volksbundes deutsche Kriegsgräberfürsorge, General a.D. Wolfgang
Schneiderhan nicht nehmen, „seine Saulgauer“ für zwei Tage vor Ort zu besuchen und sich den
jungen Leuten für Gespräche zur Verfügung zu stellen. In diesem Jahr wurde das Programm
allerdings ergänzt um eine erfolgreichen Begegnung mit Schülerinnen, Schülern und Lehrern einer
Schule in Roermond. Im Rahmen des europaweiten Programms Erasmus+ wird der Aufbau einer
Schulpartnerschaft angestrebt mit dem Ziel der Begegnung über Grenzen hinweg und zur
Förderung von Demokratiebildung und europäischer Werte.
Wie im vergangenen Jahr sollten die jungen Menschen jeden Abend ihre Eindrücke des Tages in
kurzen Sätzen auf kleinen Schiefertäfelchen niederschreiben, an einem Tag auch in sogenannten
„Elfchen“ – kurzen Elf-Wort-Gedichten. Sie sollten den Friedhof auf eigene Faust erkunden und
dabei nach Gräbern von Toten suchen, die am gleichen Tag des Jahres Geburtstag hatten. Im
Rahmen einer Schreibwerkstatt schrieben sie dann diesen Menschen einen persönlichen Brief.
Für das diesjährige Kunstprojekt ließen sich alle mit einer wichtigen persönlichen Botschaft auf
den jeweiligen Täfelchen fotografieren. Die Texte und Aussagen, die dabei entstanden sind,
zeigen, dass dieser Besuch bei den Kriegsgräbern die Gedanken- und Seelenwelt der jungen
Besucherinnen und Besucher sehr berührt hat.
Sicherlich war auch ein wichtiger Aspekt die Begegnung mit dem pädagogischen Mitarbeiter vor
Ort, Jan Heemels, der nicht nur in einer beeindruckenden Führung über den Friedhof die
Geschichte der in ausgewählten Gräbern bestatteten Toten lebendig werden ließ, sondern auch in
gezielten Workshops die Teilnehmer in die Geschichte der Region im zweiten Weltkrieg
eintauchen ließ. Geduldig stand er für Fragen zur Verfügung und scheute sich auch nicht, die bis
heute eher verdrängten Aspekte der Frage nach Opfern und Tätern zu thematisieren. Er zeigte
uns, dass dabei eine eindeutige Unterscheidung in vielen Fällen gar nicht möglich ist, so
wünschenswert sie einem auch manchmal erscheinen möchte.
Wichtig war auch ein Besuch am Grab von Anton Franz Schmid, einem aus Saulgau stammenden
Piloten, der beim Absturz seines Flugzeuges nach einem Zusammenstoß mit einem anderen
Flugzeug an der holländischen Küste ums Leben gekommen war und hier mit seinen Kameraden
seine letzte Ruhestätte gefunden hat – was seine Verwandtschaft in Saulgau lange Jahre nicht
gewusst hatte. Der Tatsache, ihn dort gefunden zu haben, verdankt die Arbeitsgruppe SLG ihren
wesentlichen Impuls zur Erinnerungsarbeit und zu ihren Reisen nach Ysselsteyn.
So erzählt uns auch dieses Grab über Jahrzehnte hinweg die traurige Geschichte eines Mannes
aus unserer Heimatstadt, der in jungen Jahren und viel zu früh in einem mörderischen und
sinnlosen Krieg sein Leben lassen musste – der aber durch unsere Besuche wie all die anderen
Kriegsopfer bis heute nicht vergessen ist. So wie er erzählen uns all die Toten, die hier liegen, ihre
persönliche Geschichte – manchmal nachvollziehbar durch vorhandene Berichte, manchmal auch
nur in der Phantasie und im Herzen nachempfindbar. Aber alle haben sie uns etwas zu sagen –
und in der Stille eines morgendlichen Sonnenaufgangs oder eines abendlichen Sonnenuntergangs
vermeint man zwischen den Rufen der Waldohreule ihre Botschaft zu hören.
Der letzte Nachmittag in Ysselsteyn diente noch einem Gesprächskreis, bei dem alle die
persönliche Bedeutung dieses Besuchs thematisieren durften, dann ging es, ebenfalls im Beisein
von Präsident Schneiderhan, zu einem gemeinsamen Abendessen und danach noch einmal über
den Friedhof. Jeder und jede hatten ein oder zwei Teelichte dabei, um sie auf ein oder zwei
Gräbern zu entzünden. Berührend der Satz einer Schülerin: Ich habe mein Licht auf das Grab
eines unbekannten Soldaten gestellt – der hat bestimmt noch nie eines bekommen und freut sich
doch auch, wenn man ihm ein Licht anzündet!
Kurz vor Einbruch der Nacht sind wir dann noch einmal in kleiner Gruppe zum Eingang des
Friedhofes gegangen – und da sahen wir sie weithin leuchten, unsere kleinen Lichtlein des
Gedenkens, der Erinnerung und der Mahnung. Die Blätter der Rotbuchen rauschten leise, die
Eulenkinder riefen nach der Mutter, und die Gräber flüsterten uns zu: VREDE – FRIEDE!
Wie schön müsste es sein, auf allen Gräbern der unbekannten Soldaten ein Licht anzuzünden!
Wir werden wiederkommen…
Michael Skuppin

